Museum für Naturkunde, Berlin: Sauriersaal mit Brachiosaurus brancai

 

 

Winfried Mogge

 „Die Erdgeschichte zum Sprechen bringen“

 Das unruhige Leben des Geowissenschaftlers Wilhelm Branco

(1844-1928)


Vorankündigung (Erscheinen geplant für 2017):

 

Der Naturwissenschaftler Wilhelm Branco (1844-1928) ragt unter den Hochschullehrern der wilhelminischen Zeit mit einer ungewöhnlichen Karriere hervor. Schulabbrecher ohne Abitur, dem Wunschberuf Offizier körperlich nicht gewachsen, als Landwirt und Gutsbesitzer geistig unterfordert, als italiensüchtiger Maler bald resigniert, entdeckte er seine wahre Leidenschaft in der Geologie und Paläontologie. Spektakuläre wissenschaftliche Forschungen brachten ihm Promotion und Habilitation ein; die Karriere führte vom Privatdozenten in Aachen zum Ordinarius in Königsberg, Tübingen, Heidelberg, Hohenheim und schließlich Berlin, wo er auch Direktor am Museum für Naturkunde wurde. Zu seinen Projekten zählt die berühmte Tendaguru-Expedition in die damalige Kolonie Deutsch-Ostafrika. Der in Berlin aufgestellte Brachiosaurus brancai ist ihm zu Ehren benannt. Der Außenseiter wurde zur gefeierten Größe seines Faches.

Die Natur der Vulkane, die Ursachen der Erdbeben, die Entstehung des Lebens auf der Erde, die Stammesgeschichte fossiler Lebewesen, die Vorgeschichte des Menschen – zu diesen und anderen Themen hat Branco sich (meist gegen damalige Schulmeinungen) geäußert, gestützt auf eigene Feldforschungen und umfassendes Wissen. Als überzeugter Darwinist hat er die Freiheit von Forschung und Lehre gegen kirchlichen Dogmatismus verteidigt, aber auch die Atheisten unter den Monisten bekämpft; als gläubiger Protestant war er von den Grenzen der Wissenschaft und dem Nichtwissen „letzter Dinge“ überzeugt. Seine religiösen Ansichten sind überraschend unorthodox; seine politischen Optionen verweisen ihn ins konservative deutschnationale Lager.

Außer den Stationen seiner Hochschulkarriere, den zahlreichen Veröffentlichungen und einigen wenigen persönlichen Daten ist über Wilhelm Branco (der 1895 in Württemberg geadelt wurde und seit 1907 den Namen Branca seiner italienischen Herkunftsfamilie führte) bisher nichts bekannt. In den Archiven der Universitäten und Akademien seines Lebensganges gibt es keinen Nachlass. So darf die Entdeckung persönlicher Unterlagen in Privatbesitz als Überraschung gelten: Das Tagebuch einer mehrmonatigen Hochzeitsreise 1872 nach Italien, ein 1904 für den Sohn aufgezeichneter Lebensbericht und ein Bündel familiärer Briefe werden hier publiziert und kommentiert und für eine Biografie ausgewertet.

Dabei wird auch ein ungewöhnliches Geflecht persönlicher und wissenschaftlicher Beziehungen deutlich: Brancos Vater war preußischer Generalarzt, die Mutter romantische Dichterin, die erste, früh verstorbene Ehefrau eine Tochter des genialen Physikers Hermann Helmholtz, die zweite Frau eine Tochter von Gustav Robert Kirchhoff. Wilhelm Branco, Naturwissenschaftler aus dem preußischen Potsdam, war nicht nur mit Berufskollegen befreundet, sondern auch mit Künstlern in München und Rom. Er erweist sich als vielseitig begabter und interessierter Wanderer zwischen wissenschaftlichen und künstlerischen Welten.

 

Literaturhinweis:

Neue Deutsche Biographie Bd. 2, Berlin 1955, S. 514 f.

 

 

Wilhelm und Käthe Branco:
Seite aus dem Tagebuch der Italienreise, 1872



















 

Freitag 8te [März]. 1 Uhr Mittags. Soeben zurückgekommen von einer Audienz beim Pabst. Ein so liebes, freundliches, herziges Gesicht.

 

Top