Verlag Peter Lang, Berlin 2018

Zivilisationen & Geschichte Bd. 52

504 Seiten mit 27 farbigen und 18 schwarzweißen Abbildungen,

sieben Stammtafeln und Tabellen

geb.      ISBN 978-3-631-75520-4

eBook  ISBN 978-3-631-75521-1


 

Kurztext

 

Der Geowissenschaftler Wilhelm Branco (1844-1928) ist ein Außenseiter unter den Hochschullehrern der deutschen Kaiserzeit. Er versuchte sich zunächst als Soldat und als Künstler und wurde Landwirt. Erst mit dreißig Jahren begann er das naturwissenschaftliche Studium. Branco machte aufsehenerregende geologische und paläontologische Forschungen in Italien, Frankreich und Deutschland. Sein akademischer Berufsweg führte den Potsdamer Preußen über Heidelberg, Rom, München, Berlin und Aachen nach Königsberg, Tübingen und Hohenheim. Zuletzt war er Ordinarius an der Universität und Direktor am Museum für Naturkunde in Berlin. Sein bis heute bekanntestes Projekt ist die Organisation der Tendaguru-Expedition in die damalige Kolonie Deutsch-Ostafrika. Der in Berlin aufgestellte Riesensaurier Brachiosaurus brancai ist ihm zu Ehren benannt.

Branco forschte und schrieb über Vulkane und Erdbeben, die Stammesgeschichte fossiler Lebewesen und die Vorgeschichte des Menschen. Er war ein Meister der Rede und der Popularisierung der Wissenschaft und griff streitbar in die universitären und öffentlichen Diskussionen seiner Zeit ein. Als überzeugter Darwinist hat er die Freiheit von Forschung und Lehre gegen kirchlichen Dogmatismus verteidigt, aber auch die Atheisten unter den Monisten bekämpft. Seine religiösen Ansichten sind überraschend unorthodox; seine politischen Optionen verweisen ihn ins konservative deutschnationale Lager.

Außer den eigenen Veröffentlichungen und einigen persönlichen Daten ist über Wilhelm Branco (der 1907 den Namen Branca seiner italienischen Herkunftsfamilie annahm) bisher wenig bekannt. In Privatbesitz wurde nun umfangreiches Nachlassmaterial entdeckt: das Tagebuch einer mehrmonatigen Hochzeitsreise 1872 nach Italien, ein 1904 aufgezeichneter Lebensbericht, familiäre und dienstliche Briefe, Urkunden und Fotografien. Die Dokumente werden hier für eine erste Biografie ausgewertet und teils vollständig publiziert.

Dabei wird ein außergewöhnliches Geflecht persönlicher und wissenschaftlicher Beziehungen sichtbar. Brancos Vater war preußischer Generalarzt, die Mutter romantische Dichterin, die erste, jung verstorbene Ehefrau eine Tochter des genialen Physikers Hermann Helmholtz, die zweite Frau eine Tochter von Gustav Robert Kirchhoff. Wilhelm Branco war nicht nur mit Berufskollegen befreundet, sondern auch mit Künstlern in München und Rom.

Die Biografie versteht sich als Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte, aber auch zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des deutschen Bürgertums in der langen Übergangszeit vom 19. zum 20. Jahrhundert.

 

 

 

Naturkundemuseum Berlin: Sauriersaal mit Brachiosaurus brancai

 

 

Textprobe

 

Prolog

Berlin, 13. August 1880. In der Aula der Königlichen Geologischen Landesanstalt an der Invalidenstraße 46 hält die renommierte Deutsche geologische Gesellschaft ihre jährliche allgemeine Versammlung. Als letzter Redner auf der ermüdend langen Liste wissenschaftlicher Vorträge steht ein mit fast sechsund-dreißig Jahren nicht mehr junger, bisher in Fachkreisen aber kaum bekannter Mann: Wilhelm Branco aus Potsdam, seit kurzem wohnhaft in Berlin. Er hat Glück: Die politische und naturwissenschaftliche Prominenz der Hauptstadt ist bei der mehrtägigen Veranstaltung noch oder wieder anwesend, voran der preußische Kultusmister und hohe Regierungsbeamte.

Branco spricht „Über die Verwandtschaftsverhältnisse der fossilen Cephalopoden“, und hinter diesem spröden Titel verbergen sich neue Erkenntnisse zur Entwicklungsgeschichte der „Kopffüßer“, deren älteste aus dem Erdaltertum und Erdmittelalter ihre Schalen in versteinerter Form hinterlassen haben und immer wieder das Interesse der Forschung erregen. Branco hatte in zweijähriger Präparationsarbeit die Gehäuse zahlreicher höchst unterschiedlicher Exemplare dieser Fossilien aufgeschält, den jeweils innersten Kern mit Hilfe der modernen Mikroskopie betrachtet und aus den ähnlichen oder verschiedenen Formen auf die Abstammungswege dieser Tierarten geschlossen; und darüber darf er nun berichten.

Das Tagungspublikum ist begeistert. Es gibt „ein gewaltiges Bravoklatschen“, Branco wird dem Minister vorgestellt, zwei Ordinarien fordern ihn auf, sich zu habilitieren. Laufbahnrechtliche Hindernisse sind durch Ministerialentscheid innerhalb kurzer Zeit beseitigt, und im April 1881 beginnt Wilhelm Branco als Privatdozent für Geologie und Paläontologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin.

Dies ist der Start einer wissenschaftlichen Karriere, die sich mit den meist planvollen und geruhsamen Lebensgeschichten damaliger Hochschullehrer kaum vergleichen lässt, sondern extrem unruhig verläuft. Nach unbefriedigenden Berufsjahren als Soldat, Landwirt und Gutsbesitzer und unerfüllter Hoffnung auf eine Existenz als Künstler wird Wilhelm Branco sich einen Namen als ungewöhnlich vielseitiger Forscher und Lehrer machen.

 

Umrisse eines Lebens

Wer ist dieser Wilhelm Branco? Geboren 1844 in Potsdam, gestorben 1928 in München: Das sind die Eckdaten eines vierundachtzig Jahre währenden Lebens zwischen preußischem Königreich, süddeutschen Mittelstaaten, deutschem Kaiserreich und Weimarer Republik. Der Vater preußischer Generalarzt, die Mutter romantische Dichterin, die Vorfahren der Eltern Offiziere, Ärzte, Gutsbesitzer, Beamte: Der Schulabbrecher ohne Abitur und mit unsteten beruflichen Anläufen muss in diesem Umfeld zunächst als Außenseiter und Versager erscheinen.

Dem Wunschberuf Offizier körperlich nicht gewachsen, als Landwirt und Gutsbesitzer geistig unterfordert, als italiensüchtiger Maler bald resigniert, beginnt Branco erst als Dreißigjähriger mit dem Studium der Naturwissenschaften. Hier entdeckt er seine wahre Leidenschaft in der Geologie – der Wissenschaft vom Bau und von der Entwicklungsgeschichte der Erdkruste, und in der Paläontologie – der Lehre von den Resten der Lebewesen der Vorzeit. Spektakuläre und zielstrebige Forschungen bringen ihm Promotion und Habilitation ein. Die Interessen und Arbeitsfelder bleiben zeitlebens breit gestreut: neben den allgemeinen und praxisbezogenen Lehrgebieten der damaligen Erdwissenschaften besonders die Vulkan- und Erdbebenforschung, die Entstehung des Lebens auf der Erde, die Entwicklungsgeschichte fossiler Schalen- und Wirbeltiere, die Vorgeschichte des Menschen.

Mindestens so wichtig wie seine Arbeit als Gelehrter ist Wilhelm Branco die Wirksamkeit als Lehrer. Er liebt es, auch mit öffentlichen Vorträgen und gutem Gespür für aktuelle Fragen sein Wissen populär zu verbreiten; Zuhörer bestätigen, dass er es versteht, die Erdgeschichte zum Sprechen zu bringen. In der Schlussphase seines Berufslebens setzt er seinen Ehrgeiz daran, für seine Fachbereiche ein modernes Naturkundemuseum als allgemein zugänglichen Bildungsort zu schaffen. Bei der Organisation und Finanzierung wissenschaftlicher Projekte erweist Branco sich als Meister moderner Öffentlichkeitsarbeit.

Als Hochschullehrer hat Wilhelm Branco eingefahrene Schulmeinungen seiner Fachgebiete angezweifelt und revidiert, gestützt auf eigene Feldforschungen und umfassendes Wissen, oder zumindest neue Wege für die Generation seiner Schüler und Nachfolger gewiesen. Vehement hat er – ein Anhänger der darwinschen Deszendenzlehre – die Freiheit von Forschung und Lehre gegen kirchliche Dogmatik verteidigt, aber auch die Atheisten unter den Monisten bekämpft; als getaufter Protestant und gewordener Agnostiker ist er von den Grenzen der Wissenschaft und dem Nichtwissen „letzter Dinge“ überzeugt.

Politische Aktivitäten Brancos sind nicht bekannt. Einige Äußerungen besonders während des Ersten Weltkrieges verweisen ihn ins konservative deutschnationale Lager. Damit steht er fest in den Reihen der meisten Hochschullehrer seiner Zeit.

Seine berufliche Karriere führt Wilhelm Branco vom Privatdozenten in Berlin und Aachen zum Landesgeologen in Berlin, bald zum Ordinarius in Königsberg, Tübingen, Hohenheim und schließlich wieder Berlin, wo er auch Direktor des Geologisch-paläontologischen Instituts und Museums wird. Der im heutigen Museum für Naturkunde aufgestellte riesige Brachiosaurus brancai ist ihm zu Ehren benannt. Der Außenseiter wächst zur gefeierten Größe seines Faches, bedacht mit Ehrungen und Auszeichnungen. 1895 wird er in Württemberg geadelt, seit 1907 führt er den Namen Branca seiner italienischen Herkunftsfamilie.

Vielseitig ist auch das Geflecht der familiären und freundschaftlichen Beziehungen. Die erste, jung verstorbene Ehefrau ist eine Tochter des genialen Physikers Hermann Helmholtz, die zweite Frau eine Tochter von Gustav Robert Kirchhoff. Mit beiden Schwiegervätern und ihren Familien und Freunden pflegt Branco herzlichen Kontakt. Befreundet ist er nicht nur mit Berufskollegen, sondern auch mit Künstlern in München und Rom. Er dilettiert als Zeichner und Maler, spielt Flöte, fällt mit Freude und Talent auf beim Singen und Theaterspielen, ist ein mitreißender Redner, schreibt Texte von literarischer Qualität. Wilhelm Branco erweist sich als vielseitig begabter und interessierter Wanderer zwischen wissenschaftlichen und künstlerischen Welten.


Verstreute Quellen und ein Nachlassfund

Außer den Stationen seiner Hochschulkarriere, den eigenen Veröffentlichungen und einigen wenigen persönlichen Daten ist über Wilhelm Branco bisher fast nichts bekannt. In den Archiven der Universitäten und Akademien seines Lebensganges gibt es mehr oder weniger umfangreiche Personalakten, aber keinen schriftlichen Nachlass. Für die privaten und familiären Verhältnisse bieten die im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin verwahrten Vorgänge um seine Namensänderung und die in Preußen angestrebte Nobilitierung einige Informationen. Dort und in den Archiven des Museums für Naturkunde und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften liegen auch die Akten über Brancos spektakulärste Aktion, die von ihm organisierte Tendaguru-Expedition in Deutsch-Ostafrika mit den sensationellen Saurier-Funden. Dienstliche Vorgänge und Korrespondenzen sind vor allem im Archiv der Humboldt-Universität, Splitterbestände in den Historischen Schriftgutsammlungen des Museums für Naturkunde in Berlin erhalten. Vereinzelte Briefe an Kollegen und Freunde finden sich in mehreren Bibliotheken und Archiven, gelegentlich auch noch im Antiquariatshandel und bei Auktionshäusern, und lassen auf eine ehemals umfangreiche amtliche und private Korrespondenz schließen.

Einen ausführlichen, stark hagiografisch gefärbten, die wissenschaftlichen Leistungen würdigenden Nachruf schrieb 1928 Brancas Freund und Nachfolger Josef Felix Pompeckj. Voll ehrfürchtiger Bewunderung sind auch die Nachrufe der Schüler Edwin Hennig und Hans Reck. In der englischen Fachpresse nennt Herbert P. T. Rohleder den Verstorbenen „one of the most prominent German geologists“. Von den sonstigen zeitgenössischen Würdigungen und posthumen Lexikon-Artikeln ist lediglich ein Beitrag von Werner Quenstedt von 1955 noch nennenswert. Neuerdings kommen knappe, über die biografischen Daten hinausgehende Bewertungen von Gerhard Maier (2003), Christian Tilitzki (2012) und Marco Tamborini (2016) hinzu. Die sachlichen Fehler der älteren Literatur, biografischen Lexika und genealogischen Taschenbücher wurden und werden, wie allgemein üblich, in den „neuen Medien“ kritiklos übernommen und fortgeschrieben. Ein rundes Lebensbild ergibt sich aus alledem nicht.

So darf die Entdeckung persönlicher Unterlagen in Privatbesitz als Überraschung gelten: Das Tagebuch einer mehrmonatigen Hochzeitsreise 1872 nach Italien, ein 1904 für den Sohn aufgezeichneter Lebensbericht, einige Bündel familiärer Briefe und eine Reihe privater und amtlicher Korrespondenzen und Dokumente. Der Fund verdankt sich einem glücklichen Zufall bei der Spurensuche des Historikers und Germanisten auf einem ganz anderen Feld – bei der Suche nach der Frau, der das vielzitierte Gedicht auf dem Grabstein für Käthe Branco geborene Helmholtz (1850-1877) auf dem St. Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem gilt. Bei den Papieren handelt es sich um einen Splitternachlass von Wilhelm Branco/Branca, aus der Haushaltsauflösung des kinderlos verstorbenen Sohnes Gerhard von Branca (1885-1953) und dessen Frau Anne-Lise geborene Flörsheim (1895-1973) in das Familienarchiv entfernter Verwandter – des Architekten Alexander Freiherr von Branca (1919-2011) – in Miesbach gerettet. Mit freundlicher Erlaubnis der Familie von Branca wird ein Teil des Materials hier publiziert und kommentiert und für eine Lebensgeschichte ausgewertet.

Die beiden autobiografischen Texte ermöglichen ungewöhnlich exakte und intime Einblicke in das Leben und Denken eines Gelehrten der Kaiserzeit. Sie sind nicht mit der Absicht einer Veröffentlichung geschrieben und deshalb frei von den Selbststilisierungen und Harmonisierungen so vieler Selbstbiografien von „Wilhelminern“. Die hier sich öffnenden Einsichten ergeben dennoch kein vollständiges Lebensbild – die wenigen erhaltenen Dokumente beweisen, dass weitere Aufzeichnungen dieser Art bestanden und schon in der folgenden Generation verloren gingen; sie zeigen auch, wie dicht der familiäre Zusammenhalt und die private Korrespondenz gewesen sein müssen. Mit weiteren Recherchen wird im Folgenden versucht, ergänzende Mosaiksteine zu einem Gesamtbild zusammenzutragen und auch die ansonsten unverständlich bleibenden Namen und Anspielungen der Texte zu entschlüsseln. Einige im Besitz der Familie von Branca und in mehreren Archiven aufgefundene künstlerische Darstellungen und Fotografien sind mehr als nur Illustrationen.

Als schmerzliche Lücke bleibt, dass von und über Käthe Helmholtz und Paula Kirchhoff, die vielseitig gebildeten und interessierten Ehefrauen des Wilhelm Branco/Branca, nur wenige Informationen zu finden waren, von Käthe Helmholtz nicht einmal ein Porträt oder eine Fotografie. Eben deshalb sollen hier auch biografische Skizzen der beiden Frauen – und der beiden Kinder Wilhelm Brancos – eingefügt werden. Vielleicht ergeben sich nach der Veröffentlichung dieser Arbeit Spuren in bisher unbekanntem Gelände.

Die folgende Untersuchung versteht sich als Biografie und nicht etwa als Versuch einer Darstellung der von Wilhelm Branco betriebenen Wissenschaften und ihrer Geschichte; in diese wird nur insoweit eingedrungen, als es zum Verständnis des Lebensganges und der Lebensleistung nötig erscheint. Wenn die Arbeit darüber hinaus als Beitrag zur Kultur- und Sozialgeschichte des Bürgertums in der langen Epoche des Umbruchs vom 19. zum 20. Jahrhundert aufgenommen wird, dann hat sie ihren Sinn erfüllt.

 

(Die Anmerkungen, Quellen- und Literaturnachweise sind in diesem Textauszug weggelassen.)

 

 

 

Wilhelm und Käthe Branco:
Seite aus dem Tagebuch der Italienreise, 1872


















 

 

Freitag 8te [März]. 1 Uhr Mittags. Soeben zurückgekommen von einer Audienz beim Pabst. Ein so liebes, freundliches, herziges Gesicht.

 

 

 

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