Gustav Wyneken

 

Der Lehrer Gustav Wyneken (1875-1964) war umjubelter und  umstrittener Prophet der bürgerlichen Jugendbewegung beim "Freideutschen Jugendtag" 1913 auf dem Hohen Meißner und  Mentor der studentischen „Jugendkulturbewegung“. Der absolute Führungsanspruch Wynekens, sein Selbstverständnis als Religionsstifter, sein autokratisches Regime in der von ihm mitgegründeten Freien Schulgemeinde Wickersdorf und seine gerichtliche Verurteilung als Päderast führten zu seinem unaufhaltsamen Absturz.

In einem Beitrag zu dem Sammelband Totale Institutionen? Kadettenanstalten, Klosterschulen  und Landerziehungsheime in Schöner Literatur (Würzburg 2013) untersucht Winfried Mogge die zum Teil unveröffentlichten Erinnerungen Gustav Wynekens an die als "Hölle" erlebte eigene Schulzeit in der Klosterschule Ilfeld und die Schriften des streitbaren Lehrers über die als Gegenmodell konzipierte Freie Schulgemeinde. Theorie und Praxis des in der Literatur meist als Reformpädagoge missverstandenen gnostischen Philosophen werden als autoritär und totalitär beschrieben.

 

 

Titelseite der Zeitschrift "Junge Menschen", 1921

 

 

Ein totalitäres System

 

Aus: Winfried Mogge, "Vergeltung für die verpfuschte Schulzeit". Gustav Wynekens autoritäre Pädagogik zwischen evangelischer Klosterschule und Freier Schulgemeinde. In: Totale Institutionen?  Kadettenanstalten, Klosterschulen und Landerziehungsheime in Schöner Literatur, hg. von Richard Faber. Würzburg: Königshausen & Neumann 2013, S. 195-231. Daraus der Schluss:

 

Zeitgenössische Autoren und Kollegen schauderte es, bei allem Respekt vor den intellektuellen und organisatorischen Leistungen Gustav Wynekens, vor solch grenzenlosem Messianismus. Autobiografische Berichte und aktenkundige Kontroversen schwanken zwischen den Extremen bedingungsloser Bewunderung und kompromissloser Zurückweisung; die Ablehnung überwiegt. Auch in der Belletristik haben die Freie Schulgemeinde und ihre handelnden Personen und deren Tragödien ihren Niederschlag gefunden. Eindringlich treten hier Faszination und Abschreckung eines totalitären pädagogischen Systems hervor.

Wilhelm Lehmann (1882-1968), ehemals Lehrer für Deutsch und Englisch in Wickersdorf, verarbeitete Ereignisse und Personal dieses Hauses in seinem Roman „Der Bilderstürmer“ (1915). In der Figur des Gymnasiallehrers Ernst Magerhold ist unschwer Gustav Wyneken zu erkennen, in der Romanfigur Beatus Leube der skeptisch beobachtende Dichter selbst. Die Gründung einer Privatschule in einem ehemaligen Bauernhof in dem abgelegenen Dörfchen „Hollebüttel“ ist für eine zusammengewürfelte Schar von Lehrern und Künstlern die Verwirklichung einer pädagogischen Utopie und lebensgeschichtlicher Träume. Der fiktive negative Held aber scheitert wie sein reales Vorbild stets an der „Größe seines Extrems“ – ein „Fanatiker“, rücksichtslos mit Hass und Wut gegen Missstände und Gegner kämpfend, „sonderbaren, kalt-brennenden Temperamentes“:

Die Schüler hingen ihm zu großem Teile mit wahrer Begeisterung an, gegen die nur wenige sich sträubten. Er machte ihnen die Welt verständlich, indem er sie ihnen als bloß seiner von ihm erdachten Ideen und Ideale bedürftig zeigte. Seine Kenntnisse waren nicht gering, nur waren sie ausgedörrt und ausgelaugt worden, da er nie einer Wesenheit ihr eigenes Gesicht und ihren eigenen Willen gönnen mochte und lassen konnte, sondern sie unaufhörlich in dem ätzenden Strom seiner Vereinfachungs- und Objektivierungssehnsucht badete. Ganz wörtlich sah er die wirkliche Welt nur als dürftigen Schatten einer utopischen Herrlichkeit, in der kein Apfel wirklich reifte, kein Vogel wirklich sang.

Jakob Wassermann (1873-1934) hingegen schilderte in seinem Schlüsselroman „Oberlins drei Stufen“ (1922) den charismatischen Schulleiter, den er Dr. Lucian von der Leyen nannte, mit ehrfürchtiger Bewunderung aus der Sicht eines Schülers, der in der Obhut der „Waldschule“ Freiheit, Vertrauen und Freundschaft, aber auch Feindschaft und die ersten schweren Krisen seines Lebens erfährt. Die Begegnung mit dem Pädagogen, einem „Charakter von Stahl“, erlebt der Knabe als geistige Offenbarung und erotische Verzauberung. „Die freiwillige, enthusiastische Unterwerfung war seliger Rausch.“ Dietrich Oberlin, so der Name der Hauptfigur, wird aus diesem Bann erst gelöst, nachdem er die Schule verlassen und sich in ein Mädchen verliebt – und damit den jede Bindung außer der Männerfreundschaft verachtenden „Meister“ verraten hat. In einer Abschiedsszene, während die jugendlichen Freunde Oberlin zu sich ins Leben rufen, resigniert der vereinsamte alte Mann:

„Der Mensch, den ich brauche und den ich formen kann“, fuhr Lucian fort, „der darf mir nicht erliegen und zu Boden fallen, wenn der trunkene Eros seine Arme um ihn schlingt. Was ist dann meine Existenz, was bin ich wert, mir und euch, wenn die klug gebraute verführerische Mixtur alles, was ich will und wirke, zunichte macht? Ich hatte gehofft, daß du dich an den Fundamenten des Baues bewährst und nicht an seinem Schnörkelschmuck die Zeit vergeudest und Kraft und Geist vertust. Alle fallen. Alle. Keiner widersteht der Versuchung. Wie ich dich hielt, Oberlin, wie ich dich trug! Du warst mir das Edelgestein auf dem Werkplatz, nicht einmal Mörtel und Klammern glaubt ich bei dir vonnöten. Der ist mir sicher, dacht ich, der wacht über meine Ernte mit der geschliffenen Sense, dacht ich. Und das Ende? Hineingeschleudert den ganzen Einsatz in ein Liebesspiel. Das heiß ich seinem Meister mit abgehauenen Händen gegenübertreten. Schäm dich, Oberlin.“

Der Jurist und Erfolgsautor Erich Ebermayer (1900-1970) kannte die Wickersdorfer Verhältnisse als langjähriger Aufsichtsratsvorsitzender der Schulgemeinde. Gustav Wyneken war er in lebenslanger unverbrüchlicher Freundschaft verbunden und sah ihn dennoch kritisch als exzentrische Persönlichkeit. In seinem gefeierten und umstrittenen Roman „Kampf um Odilienberg“ (1929) erscheint der „große Freund“ in der Figur des Dr. Manfred Mahr als Prophet aus der Vergangenheit des Idealismus, dem es immer wieder gelingt, einzelne junge Menschen mit „bedingungsloser Selbstaufgabe“ an sich zu binden. Dessen Gegenspieler Wenzel Silberstedt, dem realen Lehrer und späteren Musikwissenschaftler Willi Appelbaum (1893-1988) nachempfunden, zerbricht am Machtwillen und an der Durchsetzungskraft des nach einem Skandal eigentlich schon entmachteten Schulgründers. Für beide ist die „Freie Schule Odilienberg“ eine „Insel mitten in der Sintflut dieser Zeit“: „Auf winzigstem, sichtbarstem Fleck wird der Kampf ausgetragen zwischen gestern und morgen, das Ringen um die Zukunft, um Sinn und Gestalt der neuen Jugend, um die Zukunft der Menschheit“. Der Charismatiker aus der Sicht seines Gegners in beider „Kampf auf Leben und Tod“:

„Ich kenne keinen Menschen, der mehr Individualist, mehr Aristokrat, mehr Diktator von Natur und Blut her wäre, als er. Ein großer Mensch, ein ungewöhnlicher Mensch, – zugegeben. Aber kein Lehrer, niemals, niemals ein Lehrer. Ein Künstler, der sich in die Schule verirrte. Ein Pädagog ohne Instinkt für Lehren und Lenken. Ein Mann ohne Liebe zur Jugend. (...) Was er liebt, ist dies: Jugend als Idee, Jugend als Lebensform, ,den jugendlichen Menschen‘, ‚jugendlichen Geist‘, ‚jugendliche Schönheit‘, – diesem nur gehört seine egoistische, leidenschaftliche Zuneigung. Einer Idee also, einem Wunschtraum, einer Fiktion, wie sie nie und nimmer sich erfüllt und in Wirklichkeit darstellt. Da haben Sie den Philosophen Mahr, den Denker neuer und fruchtbarer Gedanken, – neu vor zwanzig, dreißig Jahren!“

War nun Wickersdorf der Gegenentwurf zu Ilfeld, wie es der Autor der „Schulerinnerungen“ behauptete? Zweifellos ja – als Lern- und Lebensort mit bis dahin kaum bekannten Dimensionen von Unterricht und Mitarbeit. Eher nein oder nur bedingt als Organisation – die Schule war, gegen alle bis heute vorherrschenden Verklärungen, ob mit oder ohne Wyneken als Leiter, hierarchisch und direktorial verfasst mit im Ernstfall nur akklamierenden Gremien. Wynekens Wickersdorf aber, die Praxis dieses Dogmatikers und seine Ideologie ersetzten ein traditionelles, relativ simples, leicht zu unterlaufendes autoritäres System durch ein anderes, sublimes, totalitäres, bedingungslose Bindung an einen Autokraten forderndes. Gustav Wyneken war zweifellos einer der großen An- und Aufreger der deutschen Reformpädagogik im 20. Jahrhundert. Seine übliche Kanonisation als Vordenker einer emanzipatorischen oder gar antiautoritären Erziehung aber kann – damals wie heute – nur ein fundamentales Missverständnis sein.

 

(Die Anmerkungen, Literatur- und Quellennachweise sind in diesem Textauszug weggelassen.)

 

 

 "Kritik der Kindheit"

 

"Kritik der Kindheit" nannte Gustav Wyneken einen autobiografischen Text, niedergeschrieben 1944, erstmals vollständig veröffentlicht 2015, kontrovers diskutiert in der Zeitschrift für Sozialpädagogik (ZfSp), H. 1/2016 und 2/2016. Daraus (H. 2/2016, S. 215-222) die Rezension von Winfried Mogge:

 

Gustav Wyneken: Kritik der Kindheit. Eine Apologie des ‚pädagogischen Eros‘. Herausgegeben und kommentiert von Petra Moser und Martin Jürgens – mit einem Vorwort von Jürgen Oelkers. (Quellen und Dokumente zur Geschichte der Erziehung.) Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2015. 96 Seiten; 17,90 €.

Gustav Wyneken (1875-1964) gehört zu den umstrittensten An- und Aufregern der deutschen Reformpädagogik. Er selbst hat sich zeitlebens dagegen verwahrt, als „Pädagoge“ bezeichnet zu werden. Das hat ihm nichts genützt; in der Sekundärliteratur bis hin zu den Standardwerken gilt er generell als wegweisender „Reformpädagoge“, und die von ihm mitgegründete und zeitweise geleitete „Freie Schulgemeinde Wickersdorf“ genießt als historisches Modell einer neuen, freiheitlichen, partnerschaftlichen, gar antiautoritären Erziehung legendären Ruf.

Wyneken ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich Fehlinterpretationen und Verfälschungen durch die Literatur ziehen (vgl. Mogge 2013a und b). Dieser Lehrer war in der Tat kein Pädagoge, sondern ein gnostischer Philosoph und messianischer Prophet, der Jünger um sich sammelte, um ihnen seine „Weltanschauung“ zu deuten und „Gefolgschaft“ abzuverlangen. Und Wickersdorf erweist sich bei näherem Hinsehen als ein sublim autoritäres System, in dem Wyneken in den kurzen Zeiten seines Direktorates als Autokrat für Skandale und Spaltungen sorgte.

Auch die vorliegende Publikation beteiligt sich an der Fortpflanzung von Legenden, die Wyneken teils selbst in die Welt gesetzt hat – wenn, zum Beispiel, Vorwortschreiber und Herausgeber ihn als „Gründer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf“ bezeichnen. Tatsächlich entstand diese Schule 1906 als Sezession von sieben jungen Lehrern aus dem Lietzschen Landerziehungsheim Haubinda, und ohne den alsbald gnadenlos verdrängten Kollegen Paul Geheeb, der die Konzession für die Neugründung erhielt, hätte Wyneken hier nicht tätig werden können. Zeitlebens – die Perioden und Leistungen von Leitern wie Martin Luserke, Bernhard Hell, Bernhard Uffrecht, August Halm und Peter Suhrkamp verdrängend – beanspruchte er das Interpretationsmonopol für die angeblich von ihm allein geistig gestiftete und zur urchristlichen Gemeinde mystifizierte Schule.

Eine zeitlang im Mittelpunkt der pädagogischen, weltanschaulichen und kulturpolitischen Diskussionen seiner Zeit stehend, stürzte Gustav Wyneken nach einem aufsehenerregenden Prozess und seiner Verurteilung als Päderast (1922) ab wie ein Komet vom Himmel. Bis heute gilt er als eine geistige Leitfigur der historischen bürgerlichen Jugendbewegung und Urheber einer emanzipatorischen „Jugendkultur-bewegung“ – eine Rolle, die er selbst durch die Übergabe seines schriftlichen Nachlasses an das Archiv der deutschen Jugendbewegung (Burg Ludwigstein) über seinen Tod hinaus besiegelt sah.

Über seine eigene Kindheit und Jugend hat Gustav Wyneken sich in autobiografischen Texten geäußert. Seine „Schulerinnerungen“ entstanden 1924 auf dem Höhepunkt einer Kontroverse um die Reform der alten Klosterschule Ilfeld, die Wyneken von 1888 bis zum Abitur 1893 besucht hatte, und wurden teilweise in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Grüne Fahne – Monatsschrift für jugendliche Weltanschauung“ (1924/25) veröffentlicht. „Kritik der Kindheit“ schrieb er 1944 als vereinsamter, verarmter, verbitterter alter Mann. Der Text, 90 Seiten Typoskript (nicht Manuskript, wie Jürgen Oelkers in seinem Vorwort zur vorliegenden Edition meint) und einige eingehängte Ergänzungen, wurde viel zitiert und interpretiert, bisher aber nicht vollständig veröffentlicht.

 

I

Nun liegt der Text gedruckt vor, in einer Reihe „Quellen und Dokumente zur Geschichte der Erziehung“. Wynekens Aufzeichnungen, die weit über Kindheitserinnerungen hinausweisen, entziehen sich der Einordnung in literarische oder erziehungsgeschichtliche Kategorien. Die Autobiografie dient hier, wie noch zu zeigen ist, als Vorwand für die Entfaltung einer Ideologie. Zur Hagiografie fehlen die gattungsüblichen Wunder, ansonsten läuft alles auf die Selbststilisierung des Verfassers zum Märtyrer hinaus, wenn auch unter „Abschied vom Christentum“, wie ein Alterswerk heißt. Wyneken entstammt einer lutherischen Pfarrersfamilie und schildert auf vielen Seiten die eigenwillige Theologie des gebildeten Vaters und die wenigen Freuden und überwältigenden Leiden des Aufwachsens in dieser Umgebung – also ein Beitrag zur üppig wuchernden Pfarrhausliteratur? Es geht um die Themen Kindheit und Erziehung, genauer: um die definitive Feststellung, Kindheit sei von Natur aus ein „Unglück“, zu beweisen mit den katastrophalen Versäumnissen bei der Erziehung des Kindes Gustav Adolf Wyneken – also ein Beitrag zur Kindheitsforschung? Der Autor selbst tritt mit dem Anspruch auf, eine am eigenen Erleben erarbeitete Anthropologie der Kindheit und die Grundlagen für ein ethisches Prinzip der Erziehung gefunden zu haben – also ein fundamentaler Beitrag zur Erziehungsgeschichte? Der erste und auch bleibende Eindruck bei der Lektüre: Nichts von alledem – sondern: hier kreist ein Egozentriker wehklagend um die Selbstrecht-fertigung und Sinngebung seines von einer falschen Erziehung belasteten Lebens.

„Quis leget haec“ – wer soll das lesen, und warum jetzt, mehr als siebzig Jahre nach der Entstehung des Textes? Die Herausgeber der „Kritik der Kindheit“, die Sonderpädagogin Petra Moser und der Publizist Martin Jürgens, angeregt von dem Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers, haben eine Antwort. Als im Jahr 2010 an der Odenwaldschule „Fälle von sexuellem Missbrauch aufgedeckt wurden, die alle Vorstellungsdimensionen überstiegen“, schreibt Oelkers in seinem Vorwort, da „wurde in der Öffentlichkeit nachgefragt, ob der Missbrauch in Landerziehungsheimen nicht eine Geschichte eigener Art hat, die von der Reformpädagogik aus naheliegenden Gründen verschwiegen oder übersehen wurde“ (S. 7). Wynekens „Kritik der Kindheit“ sei ein solcher Versuch eines Pädophilen, die eigene Vergangenheit auszulöschen und die eigene sexuelle Disposition zu verharmlosen (S. 9).

Etwas deutlicher werden die Herausgeber, die der Edition den Untertitel „Eine Apologie des pädagogischen Eros“ mitgegeben haben, eine Bezeichnung, die also nicht vom Autor selbst stammt, aber seine Intention durchaus wiedergibt. Sie verweisen darauf, dass Wyneken sich und seine obsessiven sexuellen Neigungen als „leibhafte Epiphanie des hellenischen Menschen“ dargestellt habe. In der Sprache der Herausgeber ist das der Versuch, „die Verantwortung für pädagogisch camouflierte Untaten in den sich drehenden Nebeln eines elaborierten Diskurses verschwinden zu lassen, damit die Opfer aus den Augen seien, vielleicht sogar den eigenen“ (S. 93). Und damit schließen sie den Kreis zur aktuellen Diskussion um die Odenwaldschule: „Seit einigen Jahren wissen wir: Wyneken hatte und hat Nachfolger“ (S. 93). Und Oelkers orakelt, es sei „sicher kein Zufall“, dass im Jahr 1964 einer der letzten Besucher Gustav Wynekens Gerold Becker hieß; man wisse zwar nicht, was die beiden zusammengeführt habe, aber „auch Becker machte aus der Odenwaldschule ein pädophiles Feld“ (S. 9).

Unter solchen Prämissen, sagen die Herausgeber, sei Wynekens „Kritik der Kindheit“ eine zwar „trübe Quelle“, aber doch ein Weg zur Erkenntnis, wie pädagogisch legitimierte Macht zu Machtmissbrauch und sexuellem Missbrauch werden kann. „Es mag deprimierend sein zu sehen, aus welch heilloser Konstellation von Selbstbild, deklariertem Anspruch und Eigennutz das Versprechen des Neuen hervorgehen kann. Wahrzunehmen, wie das geschieht, gehört zu den Genüssen einer Selbstaufklärung, die an der zukünftigen Reform der Erziehung interessiert bleibt“ (S. 93).

 

II

Ob es zu solchen Erkenntnissen der intimen Einblicke in die Psychopathologie eines Gustav Wyneken und der Herausgabe seines nachgelassenen autobiografischen Textes bedarf, sei dahingestellt. Und die Bezüge zum aktuellen Diskurs über den sexuellen Missbrauch an Schulen wirken arg konstruiert. Auch sind die diesbezüglichen Gedanken und Taten Wynekens keine aufregende Neuentdeckung. Es stimmt, in der älteren Literatur wurden sie meist verschwiegen oder verharmlost, so auch noch in der (bisher unersetzten) seriösen Biografie und Wirkungsgeschichte Wynekens von Heinrich Kupffer (1970). Doch neuere Arbeiten, voran von Ulfried Geuter (1994), Thijs Maasen (1995) (in diesem Fall als bewundernde Apologie eines bekennenden Homosexuellen), Peter Dudek (2009) und Jürgen Oelkers (2011), fußen auf der Kenntnis der schriftlichen Quellen zu diesem in der Forschung längst nicht mehr tabuisierten Thema.

Immerhin und lehrreich arbeiten Moser und Jürgens exemplarisch die Rechtfertigungs- und Selbstheiligungsstrategie eines seinerzeit höchst einflussreichen Schriftstellers am Ende seines als gescheitert empfundenen Lebens heraus. Sie benennen auch die Widersprüche des Textes, in dem, zum Beispiel, mal jegliche Kindheit als unausweichliche „Katastrophe“ für das „Gehirntier Mensch“ erklärt, mal die Vision einer glückbringenden Kindererziehung beschworen wird. Und sie decken die Besonderheit, ja geradezu Sucht des Schreibers auf, jedes Detail und Scheitern der eigenen Lebensgeschichte als einen Vorgang von menschheitsgeschichtlicher Relevanz zu deuten oder, wie es bereits Heinrich Kupffer formulierte, „das Persönliche mit dem Prinzipiellen zu identifizieren“ (Kupffer 1970, S. 38).

 

III

Diese Manie Wynekens macht die Lektüre seines streckenweise spannenden, mitunter auch anrührenden und insgesamt sprachgewaltigen Textes zur qualvollen Arbeit. Wer nicht etwa „Meine Kindheitserinne-rungen“ schreibt, sondern eine „Kritik der Kindheit“ verfasst, der stellt sich schon mit dem Titel in die Gefolgschaft von Kant und Hegel (und hat bereits seine philosophische Dissertation „Hegels Kritik Kants“ genannt). Wenn Wyneken nachsinnt, wann und wie aus dem kindlich unbewussten „Es“ ein „Ich“ wird, dann gerät dies zu einem langen Exkurs über die allgemeine Menschheitsentwicklung. Wenn er die Defizite seiner als lieblos erfahrenen Kindheit auflistet, dann wird ihm dies zum Beweis, dass die Institution Familie generell nicht zur Erziehung geeignet ist. Wenn er die im Elternhaus gepflegte Religiosität als seelenlosen Ritus und den Vater als schlecht bezahlten Religionslieferanten des Heimatdorfes beschreibt, dann bricht er mit dem Christentum generell. Solche Radikalität verknüpft sich mit dem Anspruch, die einzig richtige Methode der Erziehung zu kennen – er selbst hätte als Kind liebevolle Zuwendung, Anerkennung seiner Genialität und eine „Hyperethik“ jenseits aller kleinlichen konventionellen Moralgesetze gebraucht.

Wilhelm Lehmann, ehemals Lehrer in Wickersdorf, schildert in seinem Schlüsselroman „Der Bilderstürmer“ (1915) den in der Hauptfigur leicht erkennbaren Gustav Wyneken und dessen Obsession: „Er machte ihnen [den Schülern] die Welt verständlich, indem er sie als bloß seiner von ihm erdachten Ideen und Ideale bedürftig zeigte. Seine Kenntnisse waren nicht gering, nur waren sie ausgedörrt und ausgelaugt worden, da er nie einer Wesenheit ihr eigenes Gesicht und ihren eigenen Willen gönnen mochte und lassen konnte, sondern sie unaufhörlich in dem ätzenden Strom seiner Vereinfachungs- und Objektivierungssehnsucht badete. Ganz wörtlich sah er die wirkliche Welt nur als dürftigen Schatten einer utopischen Herrlichkeit, in der kein Apfel wirklich reifte, kein Vogel wirklich sang.“ (Lehmann 1984, S. 29 f.) Der Autor der Kindheitserinnerungen ist sich treu geblieben.

 

IV

Das Thema Sexualität, eigentlicher Anlass oder Vorwand für die vorliegende Edition, spricht Wyneken in „Kritik der Kindheit“ nur wenig und sehr zurückhaltend an. Im Elternhaus, beklagt er, gab es keine sexuelle Aufklärung und war das „Geschlechtliche“ mit christlicher Sündenangst und Höllenfurcht bedroht. Aus solchen Zwängen musste der Mann Gewordene sich selbst erlösen. In der Begegnung mit griechischer Plastik und Dichtung, vermutet der altgewordene Schreiber, wurde bereits dem Knaben „der Keim hellenischen Schönheitssinnes, das Samenkorn des Eros“ in die Seele gesenkt.

Die Herausgeber mussten weitere Quellen bemühen, um aus dieser Lebens- und Leidensgeschichte die „Apologie des pädagogischen Eros“ abzuleiten: Fotografien aus dem Nachlass, auf denen ein sparsam mit Tüchern gewandeter Knabe mit einer Kerze und einem Kelch in liturgischen Gebärden posiert, und Wynekens Schrift von 1921 mit dem lapidaren Titel „Eros“, die zutreffend als Musterbeispiel für das „offensive Selbstbewusstsein“ eines „grandiosen Selbst“ charakterisiert wird. „Der Erzieher tritt auf als tätiger Prophet einer neu zu erringenden Einheit von Körper und Geist, wie sie in der Antike bestanden haben soll; für Wyneken ist er die einzige Instanz, die das pädagogische Tun beurteilen kann“ (S. 85).

Diese aus der Verteidigung in seinem Prozess entstandene Bekenntnisschrift ist eine wahrlich atemberaubende Selbstrechtfertigung des Ephebophilen. Hier ist der wahre Gustav Wyneken zu finden, nicht in der weinerlichen „Kritik der Kindheit“. Zum Verständnis des damaligen Skandals (und der bis heute anhaltenden Rezeption des schmalen Buches) muss etwas genauer hingesehen und müsste etwas mehr zitiert werden als wenige markante Sätze. Die Herausgeber der Kindheitserinnerungen äußern sich dazu nur andeutungsweise.

 

V

Worum ging es in jenem Prozess, der von 1920 bis 1922 die deutsche Öffentlichkeit erregte und die Diskussion um die Reform des Sexualstrafrechtes befeuerte? Wyneken selbst gab nur zu, zwei Knaben aus seiner engeren Schülergruppe geküsst und nackt umarmt zu haben, was im Rahmen einer die körperliche Existenz des Menschen bejahenden und vom „pädagogischen Eros“ beflügelten Erziehung normal und legitim sei. Das Rudolstädter Landgericht und auch die Revisionsinstanz hielten ihn für überführt, „sexuelle Handlungen“ mit Abhängigen vollzogen zu haben, und verurteilten ihn zu einer einjährigen Gefängnisstrafe wegen Verstoßes gegen die Paragraphen 174,1 und 176,3 des Strafgesetzbuches. Die Verbüßung wurde vom Thüringer Justizministerium als Gnadenerweis erlassen und Wyneken unbegreiflicherweise die Rückkehr nach Wickersdorf ermöglicht, bis er 1931, unter Mitnahme seines aktuellen jungen Favoriten, die Anstalt als Wiederholungstäter endgültig verlassen musste.

Gustav Wyneken verteidigte sich mit hohem Pathos als Sachwalter einer neuen Erziehung, von der die kleinbürgerliche „Sittenheuchelei“ und die „bordellmäßige Begriffsjuristik“ keine Ahnung habe. In weit ausholender historischer und philosophischer Argumentation begründete er die erotische Bindung zwischen Männern und Knaben oder Jünglingen als wiederkehrende geschichtliche Tatsache und „geistiges Urphänomen“, das im klassischen Griechenland zur höchsten Ausprägung der menschlichen Kultur geführt habe – damals jeweils geschlossen durch ein „förmliches Sakrament“, jetzt eine Wiederentdeckung mutiger, starker, wagender, schaffender Menschen.

Die edle Paiderastia, so die Verteidigungslinie, habe nichts zu tun mit der primitiven Päderastie, nichts mit der Sexualität und dem Geschlechtstrieb, und sei nicht zu verwechseln mit Homosexualität. In demselben Text aber beanspruchte Wyneken für sich das Ausnahmerecht des priesterlichen Mannes auf den körperlichen Vollzug dieser höchsten Spielart der Liebe. „Wie es dem dorischen Ritter die selbstverständliche Besiegelung des heiligen Bundes war, den Liebling in seine Arme zu schließen, so war letzte Hingabe an den geliebten und bewunderten Mann auch dem adligen dorischen Knaben Ziel seiner Wünsche und heiliges Symbol ihrer Zusammengehörigkeit; ein Ausdruck dankbarer und demütiger Treue und glühenden Willens zu Mannhaftigkeit und Heldentum.“ (Wyneken 1921, S. 18 f.)

Mit grandioser Gebärde stellte der Angeklagte sich außerhalb der Reichweite bürgerlicher Bewertungsmaßstäbe. Mit diesem schändlichen Prozess werde er als der schöpferische, „von Gottes und Rechts wegen zum Herrschen berufene Mensch“ ausgeschaltet und verfolgt. „Das alte geheimnisvolle Wort von dem Leib des Meisters, der für die Jünger gegeben wird, enthüllt einen neuen Sinn.“ Und, eine Zusammenfassung von Zitaten für viele: Die sichtbare „Freie Schulgemeinde“ sei keine simple Schule und kein pädagogisches Institut, sondern eine auserwählte Wohnung für den Geist, ein Vorbote der Menschheitsverjüngung; dank des erzieherischen Eros beginne hier die „Erhebung des jungen Lebens in eine höhere Region, seine Erwählung und Adelung“. (Wyneken 1921, S. 50, 63 f und oft ähnlich.)

Das damalige Gericht blieb auf dem Boden der normalmenschlichen Tatsachen und ahndete sexuelle Handlungen mit abhängigen (man muss hinzuzufügen: dank charismatischer Kraft abhängig gemachten) Minderjährigen. Die betroffenen Knaben und ein junger Hilfslehrer als Denunziant, von Wyneken als „minderwertig“ verdammt, hielten dem öffentlichen Druck nicht stand und milderten ihre Aussagen ab; sie standen zum Schluss als Lügner da, und nach ihrem Befinden fragte niemand mehr. In der Wahrnehmung Gustav Wynekens gab es nur ein Opfer – das war er selbst, stilisiert zum Märtyrer für die Erlösung der dumpfen Menschheit. Eine Anwandlung von Einsicht in eigenes Unrecht ist nirgends – auch nicht in dem späten Text von 1944 – zu erkennen. Original-Ton Wyneken aus „Eros“: „Und auch für meine jungen Freunde, ja, für die ganze Jugend, wird alles, was sie dieser Fall an Entsetzlichem und Sinnlosem erleben läßt, unter einem höheren Gesetz dadurch aufgewogen, daß sie durch ihr eigenes Leben hindurch ein wesentliches Schicksal sich vollziehen sehen, und daß sie die Ahnung von einer inmitten alles Wahnes und Trubels der irren Zeit unsichtbar, unbeirrbar richtenden Ewigkeit durchschauert, der allein sich letzten Endes verantwortlich weiß, wer dem Göttlichen mehr gehorcht als den Menschen.“ (Wyneken 1921, S. 40.)

 

VI

Zurück zur vorliegenden Edition der „Kritik der Kindheit“ – mit einer formalen Kritik und zwei inhaltlichen Ergänzungen. Die Wiedergabe des maschinenschriftlichen Originals (mit sorgfältigen handschriftlichen Korrekturen des Verfassers) ist den Herausgebern weitgehend gelungen, aber doch nicht in der wünschenswerten Perfektion. Von Wyneken bewusst eingesetzte Eigentümlichkeiten der Rechtschreibung und Zeichensetzung haben sie bewahrt, selbst jedoch einige Lesefehler eingebaut. Im Original ist der Beginn neuer Absätze jeweils durch Einzug der ersten Zeile verdeutlicht, hier nicht, was zur Verwischung von Absätzen führen kann. Auch wurde mal ein Gedankenstrich oder eine original vorhandene Unterstreichung übersehen.

Im Vorwort (S. 10) ist eine halbe Seite des Typoskripts mit einer angehefteten handschriftlichen Ergänzung Wynekens abgebildet; in der Wiedergabe (S. 30) werden zwei Wörter als „unleserlich“ gekennzeichnet. Die Textstelle ist lesbar: „[...] und maßen doch der Sünden und Sünder auf Erden gar so viele waren [...]“.

Gleich zu Beginn des Textes heißt es, mit Nennung des Jahres 1895: „Damals erbarmte sich meiner mein Dämon und sandte mir den Menschen, den ich nötig hatte wie er mich – seltsame Kontrapunktik des Schicksals.“ Die Herausgeber merken an (S. 13): „Um wen es sich dabei gehandelt haben kann, ist den Arbeiten zur Biographie Wynekens nicht zu entnehmen.“ Im Nachlass Wynekens findet sich die Auflösung des Rätsels. In einem tabellarischen Lebenslauf hat der Schreiber in drei Spalten, überschrieben mit „Schicksal“, „Taten“ und „Gedanken“, knappe Daten und Namen notiert; für die Jahre 1894/95 steht hier „Halle“ und „Fiedler“ – das meint einen kurzen Studienaufenthalt in Halle und den Jugendfreund Fritz Fiedler. Das ist jener „Mensch, den ich nötig hatte“, geboren 1875, verschollen im Jahr 1900; im Nachlass Gustav Wynekens befinden sich mehrere Konvolute mit Briefen und hinterlassenen Texten des jungen Philosophen und Dichters, um deren Transkription, Kommentierung und Herausgabe sich der Freund 1940/41 bemühte, also kurz vor der Niederschrift der eigenen Kindheitserinnerungen.

Bei der Lektüre des Kommentars der Herausgeber erinnert sich der von der deutschen Rechtschreibreform erzogene Leser gern an die so sinnvolle Unterscheidung von „ss“ und „ß“. Schweizer oder wahlschweizer Autorinnen und Autoren haben wohl ihre Gründe, diese Reform nicht mitzumachen, aber sie kommen dabei in unserem Fall auf unfreiwillig zweideutige Aussagen wie: „ein ehemaliger Schüler, über die Massen geliebt“ (S. 80).

 

Literatur

Dudek, Peter: „Versuchsacker für eine neue Jugend“. Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906-1924. Bad Heilbrunn 2009.

Geuter, Ulfried: Homosexualität in der deutschen Jugendbewegung. Jungenfreundschaft und Sexualität im Diskurs von Jugendbewegung, Psychoanalyse und Jugendpsychologie am Beginn des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1994.

Kupffer, Heinrich: Gustav Wyneken. Stuttgart 1970.

Lehmann, Wilhelm: Der Bilderstürmer. Roman. In: Gesammelte Werke in acht Bänden, Bd. 2: Romane I, hg. von Jochen Meyer. Stuttgart 1984, S. 29 f.

Maasen, Thijs: Pädagogischer Eros. Gustav Wyneken und die Freie Schulgemeinde Wickersdorf. Berlin 1995.

Mogge, Winfried (2013a): „Vergeltung für die verpfuschte Schulzeit“. Gustav Wynekens autoritäre Pädagogik zwischen evangelischer Klosterschule und Freier Schulgemeinde. In: Totale Institutionen? Kadettenanstalten, Klosterschulen und Landerziehungsheime in Schöner Literatur, hg. von Richard Faber. Würzburg 2013, S. 195-231.

Mogge, Winfried (2013b): Aufstieg und Fall eines Propheten. Gustav Wyneken, der Hohe Meißner, die Freie Schulgemeinde Wickersdorf und die Jugendbewegung. In: Zeitschrift für Sozialpädagogik (ZfSp), H. 3/2013, S. 249-262.

Oelkers, Jürgen: Eros und Herrschaft. Die dunklen Seiten der Reformpädagogik. Weinheim/Basel 2011.

Wyneken, Gustav: Eros. Lauenburg 1921.

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