Berliner Informationsstele „Der Wandervogel“

 

„Erinnerungskultur in Steglitz-Zehlendorf“ heißt ein Förderprogramm des Kulturamtes Steglitz-Zehlendorf von Berlin. Dazu gehört eine Reihe von „Regionalhistorischen Erinnerungsstelen“, die in den letzten Jahren aufgestellt wurden. Eine davon ist den Anfängen der Wandervogel-Bewegung gewidmet. Die Tafel wurde am 4. November 2011 auf dem Gelände des traditionsreichen Gymnasiums Steglitz in einer kleinen Feierstunde enthüllt.

 

 

 

Enthüllung der Wandervogel-Stele in Berlin-Steglitz durch Bezirksbürgermeister                                                 Norbert Kopp (links)  und Autor Winfried Mogge am 4. 11. 2011

 

 

Text der Stele

 

Am 4. November 1901 gründeten im Steglitzer Ratskeller vier Studenten, ein Lehrling und fünf angesehene Bürger den Verein „Ausschuss für Schülerfahrten“. Weil dieser Name allzu nüchtern klang, gaben sie ihm die poetische Bezeichnung „Wandervogel“. Damit trafen sie das „Zauberwort“, das seit der Dichtung der Romantik in aller Munde war und die Sehnsucht nach Abenteuer und Ferne ausdrückte. Aus diesen Anfängen einer bildungsbürgerlichen Vereinsgründung entfaltete sich eine Jugendbewegung, wie sie Deutschland noch nicht gesehen hatte, mit Auswirkungen auf die gesamte Jugendarbeit und Nachwirkungen bis heute.

 

Faszination einer Jugendkultur

Der Wandervogel entstand am Steglitzer Gymnasium. So sieht es die eigene Geschichtsschreibung. Richtig daran ist, dass die Vereinsgründer Abiturienten oder Schülerväter dieser Lehranstalt waren und dass hier eine Reihe reformpädagogisch engagierter Lehrer freie Initiativen von Jugendlichen förderte. Vorläufer des Wandervogels in Steglitz war der Schülerverein „Stenographia“, der mit selbstgewählten Führern und ohne Aufsicht wanderte – ein unerhörter Vorgang in der autoritär reglementierten wilhelminischen Gesellschaft. Tatsächlich bildeten sich gleichzeitig an vielen Orten in Deutschland ähnliche Gruppen, auch traditionelle Wander- und Jugendpflegevereine liefen zum Wandervogel über. Der breitete sich innerhalb weniger Jahre im gesamten deutschen Sprachraum aus.

Faszinierend am Wandervogel war die neue Art jugendlicher Lebensformen, war vor allem das Erlebnis der Gemeinschaft in der selbst gewählten Gruppe der Gleichaltrigen. Neu war die mehrtägige bis mehrwöchige „Wanderfahrt“ in möglichst freier Natur mit spartanischer Lebensweise – eine deutliche Antihaltung gegen die Verstädterung und Industrialisierung, auch eine frühe Protestbewegung gegen die Ausbeutung und Zerstörung des Planeten. Auffällig und attraktiv wurde die Entwicklung einer subkulturellen jugendlichen Ästhetik mit eigener Kleidung und eigenen Ritualen. Dazu gehörten die Wiederentdeckung des Volksliedes und des Volkstanzes und die romantisierende Hinwendung zu allem, was als „volkstümlich“ galt. Vielfältigen Austausch gab es bald mit der Lebensreformbewegung und der Reformpädagogik.

 

Die Idee vom Eigenwert der Jugend

Der Wandervogel wurde getragen vom Jugendmythos der wilhelminischen Epoche. Revolutionär, wie von Zeitgenossen gern beschrieben, war diese Bewegung nicht, wohl aber jugendemanzipatorisch. Davon profitierten besonders Mädchen und junge Frauen, die bald ihren Platz in der zunächst männerbündischen Szene erkämpften. Der Bruch in der Geschichte dieser Jugendbewegung kam mit dem Ersten Weltkrieg. Ihre patriotische Begeisterung trieb die jungen Wandervögel freiwillig in die Schützengräben, wo die Führerschaft grausam dezimiert wurde. Schon vor dem Krieg in konkurrierende Gruppierungen zerfallen, organisierten sich die Nachfahren des Wandervogels in der ideologisch sehr diffusen „Bündischen Jugend“ der Weimarer Republik.

Gemeinsam blieb allen Lagern die Vorstellung vom „Eigenwert der Jugend“ und der Glaube an die Weltverbesserung aus jugendlicher Kraft. Die ursprüngliche Idee von der „Selbsterziehungsgemeinschaft“ wurde zum Allgemeingut der Jugendarbeit und der Pädagogik.

Winfried Mogge

 

 

Zum Kurzreferat

Top